Tiroler Bauernkalender 2022

MERANER MUNDART FOLGE 2

Georg Dekas
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10. November 2022

In Folge 2 von Meraner Mundart geht es um die wenigen Ausdrücke zu Geld und Geschäft, die fast alle in Vergessenheit gefallen sind. „In mei Brating hon i es Aufdating genau eingetrogn. Der Gelter, der mir in Zosch gebeitet hot, soll zu sei Recht kemmen, weil nou bin i nit augschnoppet, i hon sogor a marktis Haus kaft und a capari zohlt.“

(Zu Deutsch: „In meinem Kalender habe ich den Zahlungstermin genau eingetragen. Der Gläubiger, der mir das Geld geborgt hat, soll zu seinem Recht kommen, denn noch bin ich nicht pleite, ich habe mir sogar ein günstiges Haus gekauft und eine Anzahlung geleistet.“)

Eine solche Rede wird man auf Südtirolerisch wohl nie hören. Oder eben nur hier, wo die alten, vergessenen Wörter etwas aufgepeppt experimentell in Gebrauch genommen werden.

 

Mundart 1887* Worterklärung 1887* Worterklärung 2022
h.u. = heute unbekannt
Afdading Zahlungstermin h.u. (Auf Datum?)
Åhr Anzahlung bei Dienstboten h.u.  (it. Oro? Abk. Honorar?)
beithen borgen h.u.
Brating Kalender h.u.  (Z.-Berater, -Berechner)
Capari Anzahlung bei Mieten, Käufen Caparra (it.), Anzahlung
au’gschnåppet abgewirthschaftet Aufgschnoppet (vgl. aus-schnappen)
angfriemt bestellt h.u. (angeseilt, gebunden?)
Gelter Gläubiger h.u. (der Geltung offen hat)
Jaggeszahling Zahlungsfrist auf Jacobi h.u. (Jakobs-Zahlung)
Au’marig machen Anzeige machen h.u. (maren = sich rühren)
Leibkaaf Geschenk des Weinkäufers h.u. (Leib = persönlich?)
marktle gangbar, marktles Geld h.u. (marktfähig, günstig)
Roating Rechnung h.u. (raiten = rechnen)
schlenkeln Dienst wechseln Bed.wandel (schlanggeln = streunen)
Schlenkeltag Dienstwechsel-Tag Bekannt, a. nicht mehr in Gebrauch
Schlotter ungezähltes Quantum h.u.
Zepf Papier-Zehnkreuzerstück Bed.wandel (Zepf = Polizei/-zist)
* aus  dem Knoblauch/Ellmenreich-Glossar, Quelle siehe Folge 1

 

Von siebzehn Ausdrücken hat sich nur einer original gehalten, allerdings in einem verständlichen Bedeutungswandel: Der „Zepf“ oder Dorfpolizist, vielleicht weil man an den immer eine Strafe („Zehn Kreuzer“) löhnen musste. Die „Capari“ oder Anzahlung hat sich ins italienische Original zurückverwandelt und ist als „caparra“ durchaus wieder üblich.

Die anderen Wörter sind aus dem Gebrauch verschwunden. Wobei es um gar einige schade ist. „marktle“ zum Beispiel (in der Endung dieses Eigenschaftswortes klingt das Alemannische aus dem Lechtal und Ländle mit herein, was heute in Südtirol komplett aus der Mode ist). Etwas ist marktle, dem Markt entsprechend, also preiswert oder günstig. Ein feines Wort.

„Beithen“ ist ein ganz sonderbares Wort, quasi ein Mittelding zwischen betteln und leihen, oder ist das (Er-)beten dahinter?

Gelter, Roating und Schlotter sind ebenfalls Kaliber, die es verdienen würden, noch einmal in Umlauf zu kommen.

Mein Lieblingswort ist der „Brating“, der Kalender. Da ist einmal die kernige Endung “ -ing“, fast vergessen, die ein konkretes Ding oder eine Person andeutet („Däumling“) anstelle der allgemeinen und übrigens von Amtsschimmeln heiß geliebten Endung „-ung“ („Sie erhalten die Aufforderung…“). Ein Wort, das ich gerne öfter sehen würde: Brating, der Zeit-Berechner und Zeit-Berater.

Lustig zum Schluss ist noch, dass das Setzen eines Termins „Afdading“ heute auf „Auf-dating“ umgemünzt werden könnte.

Demnächst erscheint Folge 3, die sich mit den Gestalten / Typenbezeichnungen in der alten Meraner Mundart befasst.

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