Meran, Kreide/Aquarell G. Dekas 1970

Meraner Mundart Folge 1

Georg Dekas
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9. November 2022

Der erste Beitrag von MUND-ART hier beschäftigt sich mit der Meraner Mundart. Start 1887. Vorerst einige Klärungen.

Genauer, einem Teil davon, und einem sehr alten. Als die Kurstadt Meran noch das Ziel der heilbedürftigen Schönen, Reichen und Mächtigen im Kaiserreich war, wunderten sich die weit kurenden Herrschaften über das einheimische Landvolk, das sie auf ihren Wandelwegen trafen. Der Weltgeist Hugo Knoblauch und der Meraner Verleger F. W. Ellmenreich, (selber ein „Preuße“) brachten also in ihrem Fremdenführer für Meran irgendwann ein kleines Glossar ein, das die wunderlichsten Ausdrücke der Meraner in alphabetischer Folge bekannt machte.

Quelle: MERAN. Führer für Kurgäste und Touristen von Hugo Knoblauch – Siebente Auflage. Berichtigt und ergänzt von F. W. Ellmenreich. – . – Meran 1887. S. Pötzelberger’sche Buchhandlung (F. W. Ellmenreich.) – Digitalisierte Fassung auf digital.tessmann.it

Ein Blick auf diese kleine Sammlung zeigt viele heute nicht mehr gebräuchliche Wörter, was hauptsächlich mit dem technischen Wandel der vergangenen hundert Jahre zu tun hat. Das Erstaunliche aber ist, wie viele andere Wörter diesen Wandel überdauert haben. Gut dreihundert der insgesamt rund 500 Wörter sind heute noch in der gesprochenen Sprache im Meraner Land gang und gäbe. Ein Beweis, wie zäh Sprache ist.

Es ist mir eine Ehre (mit Dank an die Altvorderen) und eine Freude, die Meraner Mundart aus dem Fremdenführer von Hugo Knoblauch und F. W. Ellmenreich neu vorzustellen. Und sei es nur darum, einige vergnügliche Einblicke in die heimatliche Sprachgeschichte zu erhaschen.

Ich habe die rund 500 gesammelten Wörter in Gruppen unterteilt und werde diese in mehreren Folgen hier vorstellen.

Um zu verdeutlichen, dass es nicht um die Wiedergabe eines Museums-Stückes, sondern um die Wiederbelebung und Stärkung der Meraner Sprache geht, zeige ich zusätzlich zur alten auch die heute übliche Rede-/Schreibweise an. Dazu sind für Außenstehende einige Bemerkungen vorab nötig.

Mundart in der Schrift

Wie bei Mundarten üblich, erfolgt die Schreibung der einzelnen Wörter nach Gehör und unterliegt dabei dem Schreibstil der jeweiligen Zeit. So übertrug man zu Knoblauchs und Ellmenreichs Zeiten das hinweisende „das da“/„dieses“ als „dös“, während man heute auf südtirolerisch „des“ sagt und schreibt. Oder nehmen wir das geschlossene A, ein Laut, der „zwischen a und o klingt“, und der so typisch ist für die Südtiroler Dialekte.

Meraner Mundart S 250 in Ausgabe 1887

Der FF-Karikaturist Hans Peter Demetz, in Arte HPD – eine Koryphäe auf dem Gebiet des lustvollen Umgangs mit der Sprache der Südtiroler – kennzeichnet diesen Laut in seinen Sprechblasen mit dem „å“, so, wie das die Sprachforscher tun.

Quelle: ff 29-2021/HPD

Die moderne Mundartschreibung in SMS, sozialen Medien und Liedtexten ist diesbezüglich längst schon zur einfachen Schreibweise mit „o“ übergegangen. So zum Beispiel heißt das deutsche „immer“ auf Südtirolerisch „ålm“ aber heute schreibt man ohne weitere Umstände „olm“. Die „community“ weiß, dass man dieses O nicht geschlossen ausspricht wie in „Ofen“, sondern als ein dunkles A. Der „O-Kult“ in der heutigen Dialektschreibweise geht sogar so weit, zu sagen „Dor Doggy“ (ein Liedermacher aus Brixen), obwohl man aus dem gesprochenen Dialekt ohne weiteres zwischen Der, Dr und Dår wählen könnte.

‚Dor Doggy‘ auf YT – Ballhorn-Dialekt aktuell

Einen Schritt ist man heute im Vergleich zu Meran Anno 1907 schon weiter. Damals brachten die volkstümlichen Schriftsteller noch einzelne Sätze in eigenwilligem Tirolerisch unter, um die Kraft und Urigkeit dieser Gebirgssprache des einfachen Volkes hervorzuheben.

Das hat sich entschieden geändert. Durch SMS und andere Kurznachrichten und Kommentare in den digitalen Kanälen hat sich der Dialekt als eigenständige und bleibende Binnen-Sprache durchgesetzt.

Der Prozess der Schriftfindung oder bleibenden und allgemein gültigen Schreibweise ist noch nicht abgeschlossen, die Varianten und Ausreißer dürften sich früher oder später aber in einer Asymptote wiederfinden. (Nicht zuletzt deswegen betreibe ich hier auch eine Mundart-Werkstatt.)

Demnächst: Folge 2

In Folge 2 Meraner Mundart kommt die Wort-Gruppe ‚Geld und Geschäft‘ zum Zug. Bis bald.  

 

 

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