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GIORGIA DIE GROSSE

Georg Dekas
|
4. Oktober 2022

Eine Analyse der Parlamentswahl in Italien vom 25. September 2022 und Würdigung der Wahlsiegerin Giorgia Meloni.

Die Italienwahl vom 25. September 2022 ist europaweit noch nicht verdaut. Einige Staaten und ihre Stimmen machen sich Sorgen um den Aufstieg der Meloni-Partei „Fratelli d’Italia“ und beargwöhnen die Wiederkehr des italienischen Faschismus. Andere wiederum sehen den Wechsel, den Italiens Wahlbürger beschert haben, als ein hoffnungsvolles Zeichen einer konservative Wende in Europa.

Inspiriert durch Melonis Rhetorik sehen auswärtige konservative Intellektuelle das Phänomen Meloni vor allem als Abkehr vom „Wokismus“, ein zusammenfassender Begriff für Gendersprech, Cancel-Culture, Klimareligion, grüne Energiewende, Ukraine-Idolatrie, Ultra-Feminismus, u. ä. – genauso wie als Abkehr vom  des „Konsumismus“, ein zusammenfassender Begriff für Kräfte, die nach konservativem Dafürhalten das perfekt depravierte, vollkommen austauschbare, narzisstische Konsum- und Genuss-Subjekt Mensch erschaffen.

Wahrscheinlich liegen all diese Ideen und Mutmaßungen zu hoch – wie eine olympische Latte für einen Vorstadt- Stabhochspringer.

 

Sieben Millionen gegen sieben Millionen

Jedenfalls werden die rund 7 Millionen Wähler, die Meloni angekreuzt haben, kaum in diesen hohen Sphären wandeln. Der reine, ohnmächtige Zorn über die herrschenden Zu- und Umstände wird die Triebkraft für den Wechsel gewesen sein.

Überhaupt ist die Zahl sieben Millionen das magische Kennzeichen dieser Wahl. Wenn wir uns die nackten Zahlen ansehen, fällt auf, dass ein 60-Millionen-Volk nunmehr unter der Marke Meloni zusammengefasst ist. Giorgia Meloni wurde von 7 Millionen auf den Thron Italiens gehoben. Nun ja, es kommen die 5 Millionen für Lega und Berlusca hinzu, aber den Stempel, den haben die sieben Millionen Meloni-Wähler verpasst. Diesen sieben Millionen stehen andere 7 Millionen entgegen. Sieben Millionen Stimmen hat das Mitte-Links-Bündnis zusammen aufgebracht. Das ist sensationell! Eine einzige Rechts-Partei sammelt gleich viele Stimmen wie ein ganzer Wald von Links-grün-Parteien! (Zahlen unten).

Erst an dieser unglaublichen, kabbalistischen Parität ist erkenntlich, was da in Italien eigentlich vor sich gegangen ist. Hat Meloni die richtigen Fragen zur richtigen Zeit aufgeworfen? Oder waren die Wähler von den beiden Anti-System-Parteien der Lega und der 5-Sterne-Bewegung maßlos enttäuscht? Oder ist es einfach das kosmische Pendel?

Egal, das 7:7 beweist, welches enorme Potenzial Meloni zu aktivieren imstande war, aber auch, dass am 25. September 2022 ein tiefer ideologischer Graben quer durch ganz Italien geht und die Nation numerisch in zwei so ungleich gleiche Teile teilt. Man muss sich die Verhältnisse einmal so richtig anschauen. 60 Millionen Einwohner hat der Stiefel, 50 Millionen sind stimmberechtigt, 27,5 Millionen geben eine gültige Stimme ab, 12,3 Millionen entscheiden über die Mehrheit und 7 Millionen drücken den Kern durch. Bei absolut korrekten demokratischen Bedingungen.

 

Postfaschismus ist Quatsch

Hat nun der Neofaschismus gesiegt? Oder die Menefreghisti, die „Ich-scheiß-drauf“-Leute, die nicht wählen gingen oder bewusst ungültig abgegeben haben? Oder ist es der politische Irrationalismus der Italiener, den Deutsche so gerne sehen möchten? Weder das eine noch das andere und alles ein bisschen. Eine Wiederkehr des Faschismus ist nicht zu befürchten, nicht im geringsten. Das Geheimnis: Giorgia Meloni pflegt einen dialektisch-katholischen Nationalismus, keinen kantisch-deutschen. In typisch italienischer Eleganz hat sie einen atlantischen Treueschwur abgegeben und ihn gleich nach der Wahl am Prüfstein Selenski eingelöst. Das verprellt souveränistische Kreise, die sowohl auf der ganz linken wie auf der ganz rechten Seite hausen.

 

Strategisches Genie

Aber unsere Giorgia sagt sich: Ich habe Zuhause so viele Dinge aufzuräumen und gerade zu biegen, dass ich nicht auch noch gegen einen vom Atlantik kommenden Wind in Orkanstärke spucken kann. Außerdem zeigt sie damit den ukrainophilen Grünlinken, dass der nationalpatriotische Minestrone nicht so heiß gegessen wird wie befürchtet. Später wird sie Wege finden, wie sie bei den Russen Boden gut macht, sollte sich das Blatt zu Ungunsten des Westens wenden. Das ist uralte italienische Tradition.

In der Zwischenzeit wird Meloni versuchen, die EU und Deutschland weiter zu melken. Das wird ihr nicht gelingen, aus dem einzigen Grund, dass Deutschland fertig hat. Aber so was von fertig.

 

Norden oder Süden?

Bleibt noch die Heimatfront. In Italien stehen sich zwei große Kräfte konträr gegenüber. Die unternehmerischen und autonomiehungrigen „Nordisten“ der Lega auf der einen und das subventionssüchtige Volk des Südens auf der anderen Seite.

In der nationalen Wahl vom 25. September haben die „Nordisten“ auf Blau gesetzt und die „Sudisten“ auf den sonnengelben Reddito di Cittadinanza der Fünf Sterne (plus, wie immer, der Fiamma Tricolore der Fratelli). Neigt sich Meloni dem Süden zu, wird ihr System parafaschistisch, neigt sie sich dem Norden zu, wird das zu einer liberalkonservativen Wunderformel für einen neuen Aufstieg Italiens. Mit dem Präsidialsystem als Ass im Ärmel steht zu erwarten, dass ein neuer Aufstieg ins Haus steht. Ein Aufstieg, den die anderen sieben Millionen policy-makers der versammelten Linken nicht geschafft haben, nicht einmal in den elf Jahren ihrer politischen und kulturellen Vorherrschaft samt Euro-Booster und nicht gewählter Technokraten an der Spitze.

 

Eine sehr empfehlenswerte Analyse der Meloni-Wahl ist diese hier von Pierre Lévy auf RTDE

 


 

 

Die Zahlen (Quelle Wikipedia)

  • Wahlberechtigte Italiener insgesamt: 50.869.304
  • (davon 46.127.514 in Italien und 4.741.790 im Ausland)
  • Wahlbeteiligung Italien: 63,9%
  • Wahlbeteiligung Auslandsitaliener: 26,37%
  Stimmen
Fratelli d’Italia   7 300 628 25,99%
Lega per Salvini Premier   2 464 176 8,77%
Forza Italia   2 279 130 8,11%
Noi Moderati      255 714 0,91%
Mitte-Rechts-Bund 12 299 648 43,79%
Partito Democratico    5 355 086 19,07%
Alleanza Verdi e Sinistra    1 019 208   3,63%
+Europa       793 925   2,83%
I. Civico/C. Dem.       169 405   0,60%
Mitte-Links-Bund    7 337 624  26,13%
Movimento 5 Stelle    4 333 748 15,43%
Azione – Italia Viva    2 186 658   7,79%
Italexit        534 574   1,90%
Vita        201 537   0,72%
SVP – PATT        117 010   0,42%
[…]
Total 27 554 310 100%

 

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