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FASCHISMUS WIEDER DA?

Georg Dekas
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3. Oktober 2022

Der Faschismus ist wieder da, fürchten die Südtiroler Schützen und gedenken des Schwarzen Marsches auf Bozen vor 100 Jahren. Doch Faschismus ist wandlungsfähig und nicht immer schwarz.

Kommt der Faschismus wieder? Gerade angesichts der aktuellen politischen Entwicklung in Italien (Stichwort Meloni) brennt diese Frage. Erhebt der italienische Faschismus wieder sein Haupt, diesmal blondiert und mit Lippenstift, Ja oder Nein?

Wenn Nein, dann ist der ‚Sturm auf das Kapitol‘ Bozens vor hundert Jahren nur mehr „Geschichte“, wie es in der „Dolomiten“ rubriziert wird. Wenn Ja, dann schrillen die Alarmglocken und Bozen würde wieder einmal den Anfang machen wie vor 100 Jahren. Diesmal aber nicht als Generalprobe für den Marsch auf Rom der Faschisten, sondern im Widerstand der Tiroler Schützen gegen die neue faschistische Gefahr.

Ja, die Gefahr besteht und Widerstand tut not, sagt Dr. Nicola Canestrini vor zweitausend Schützen. Faschismus ist wieder Gegenwart: „ Wohl weil Nationalismus das ideale Gelände für Faschismus war – und heute noch ist. Auch im heutigen Rechtsextremismus spielt genau Nationalismus eine entscheidende Rolle.“ Der Wahlsieg von Giorgia Meloni sei die „Folge der mangelnden Aufarbeitung, die den nie ganz ausgerotteten Viren des Faschismus erlaubt hat, 100 Jahre lang zu überleben.“

Ich bezweifle diese Einschätzung. Faschismus ist kein Virus. Der Faschismus ist nur eine von vielen Spielarten der Herrschaft von Menschen über Menschen und die lassen sich solange nicht ausrotten, als der Mensch ein Säugetier ist – mit seinen primären Trieben und seinem Stammhirn. Denn es geht immer um Gruppe, Revier, Töten, Besiegen. Dieses Gesetz scheint nur in üppigen Wohlstandszeiten außer Geltung zu sein. Kaum wird’s knapp, kommt der schwarze Wolf wieder aus der Höhle hervor.

Folglich liegt die Wiederkehr des Faschismus  auch nicht an der „mangelnden Aufarbeitung“. Diesen gut gemeinten bis ehrgeizigen Denkfehler machen viele. „Aufarbeitung“, das ist ein deutsches, ein protestantisches Konzept. Italien ist dafür viel zu katholisch. Hier gibt es nur ein bissl Reue, ein bissl Zudecken, und dann lustig weiter sündigen, nach dem Motto: Wir sind doch alles Menschen, oder? Auf Wiedersehen bei der nächsten Beichte und Vergebung! Und die nächste Absolution kommt bei den Italienern schneller als bei den steifen Deutschen. In Kriegen, Endsiegen, bei Klimawandel, Staatsverschuldung und den Regierungswechseln.

Außerdem war ‚Aufarbeitung‘ eigentlich nur eine Formel gleich nach dem Krieg, um den Nazis und Faschisten, und das ist gleichbedeutend mit fast allen Deutschen, Österreichern und Italienern, einen Neuanfang in der amerikanischen Friedensordnung nach 1945 zu ermöglichen. Auch da war nie der Gedanke vorherrschend, dass die Reue besonders tief sein müsse. Dazu waren die Besiegten viel zu nützlich für die Sieger.

Der neue Faschismus hingegen hat sich in ganz Europa (außer in Schweden) schon seit zwei Jahren ganz gut wieder eingelebt. Die Methoden und die Propagandasprache, wie Autoritäten ein Virus bekämpfen und ausrotten wollten, und dabei jede Grenze legitimer Sicherheitsinteressen (der Ur-Aufgabe des Staates!) überschritten, sind Beweis mehr als genug. Die so genannte „Pandemie“ zeigt auch, dass es nicht immer die Farbe Schwarz, die Sprache Italienisch und Deutsch, oder empor gereckte Arme sein müssen, an denen man den Faschismus erkennt. Ungeachtet dessen ist es edel von den Schützen und von Canestrini, unbeirrt die Fackel der Menschenwürde in größter Ordnung und Lauterkeit voran zu tragen.

 

 

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