(c) dege

DAS MERANER SEIL-ZUGELE

Georg Dekas
|
1. September 2022

In Meran muss eine Standseilbahn her, ein am Seil gezogenes Zugele. Vintage! Und dafür ein zweites Loch durch den Küchelberg. Verrückt!

 


 

Fast eine Geschichte aus Schilda

 

Zehn Jahre und mehr ist es durch grüne Köpfe gegeistert, das Vorhaben für eine Seilbahn von Meran nach Schenna. Nun soll alles ganz plötzlich und ganz schnell gehen. Eine Standseilbahn muss her, also ein Zugele. Und noch ein Loch. In der Landeskassa und durch den Küchelberg. Ein altes Projekt wird ausgegraben, eine Bürgerversammlung wird am 29. August 2022 angesetzt und Schwupps, genehmigt die Landesregierung am 30. August 2022 das, was seit 2012 in den Büro-Schubladen verstaubte.

Die Bürgerschaft bleibt mit einem Riesen-Fragezeichen im Gesicht zurück („Dolomiten“, vom 27.08.2022: „Will die Meraner Bevölkerung überhaupt diese Bahn?“). Der Verkündungs-Landes-Rundfunk RAI und die Regierungspartei SVP sehen das anders: „Eine Riesenchance“ trompetet in vornehmer Zurückhaltung die Staats- und Landes-eigene  Rundfunkanstalt RAI Südtirol am 23. August 2022. Wohlgemerkt, nicht als Zitat des Promotors, sondern als Eigenfeststellung in der Headline.

 

Potz-Blitz-Projekt, was ist denn da los?

Nun, der 31. August ist der letzte Tag, wo noch was eingereicht werden kann in Rom, um etwas von den PNRR-Euros zu erhaschen – das ist die Entschädigung für den Covid-Lockdown, die Super-Mario Draghi von Brüssel abgestaubt hat, und mit der nun alles Mögliche finanziert werden soll im löchrigen Stiefel Italien. En schlauer Landesrat hat sich ausgerechnet, dass er für die Standseilbahn an die 40 Millionen Euro geschenkt bekommen „könnte“. Das wär schon etwas mehr als eine neue Almhütte im Gadertal. Die läppischen restlichen siebzig Millionen bis zur veranschlagten Gesamtsumme von 107,6 Millionen Euro (die bis zur erträumten Fertigstellung das Doppelte ausmachen würde), die berappt das Land Südtirol – also alle, die Steuern zahlen.

 

Dumme Frage jetzt:

Hat das „Zugele“ eine touristische Priorität? Wird es innig gewünscht von den Landeskindern, die dafür schon tausende Briefe an den Nikolo geschrieben haben? Wird die Standseilbahn den Kurort Meran wieder in die Höhen vergangener, glorreicher Tage bringen? Wird sie die Stadt aus dem Würgegriff des automobilen Verkehrs befreien? Wie begründet der zuständige Landesrat diese gigantische öffentliche Investition, deren Folgekosten in Betrieb und Wartung wahrlich kein Pappenstiel sein werden? „Wir wollen Gelder ins Burggrafenamt bringen.“ Das ist Daniel ‚Düsentrieb‘ Alfreiders erster Satz bei der Bürgervorstellung. (Zitat aus „Dolomiten“ vom 31.08.2022). Der Regierungsfunk sekundiert: „Die Landesregierung genehmigt das Seilbahnprojekt, auch um nicht auf staatliche Gelder verzichten zu müssen.“

 

Wo bleiben Nutzen und Sinn?

Jo Herrgottsakkra, sind wir denn in einem Spielkasino? Geld raffen und schieben bis zum Infarkt? Wo bleibt der Nutzen und der Sinn? Wieder der zuständige Landesrat im landesfinanzierten Rundfunk: „Landesrat Daniel Alfreider sagte, es handle sich um ein Gesamt-Konzept zur Neuordnung des Verkehrs. Zentraler Punkt sei die Anbindung ans Mobilitätszentrum.“

Da versteht ein Normalo nur mehr Bahnhof. Aber nicht einmal bis dahin würde es das Küchelberg-Zugele schaffen, wenn es denn gebaut würde. Beim Parkplatz am idyllischen Ottmannsgut ist Schluss mit lustig. Wer dann noch zum Bahnhof möchte, um dort ein drittes Mal umzusteigen oder zu warten, der muss latschen oder die „BRT“-Busse nehmen, die sich die Planbürokraten in Bozen als pfeilschnelle Ersatzverbindung am grünen Tisch ausgedacht haben („Dolomiten“, 31.08.2022: „Standseilbahn ohne schnelle Busse zu wenig“).

Kannst dir vorstellen, dass durch die Linden-Allee der Karl-Wolf-Straße, dem einzig verbliebenen Wohnviertel mit Anstand und halbwegs Ruhe unterm Küchelberg im Westen der Stadt (es lärmen da schon die Schulen genug) alle fünf Minuten ein Bus braust, der die nicht vorhandenen Standseilbahn-Kunden aus Schenna – oder die, die mit ihrem Fahrrad keinen Platz im Zugele gefunden hatten – zum „Mobilitätszentrum“ führt, wie der Bahnhof neuerdings in grün geschwollenem Neudeutsch heißt. Denn das ist ja der Aberwitz: Diese Standseilbahn wird keine Kunden haben oder viel zu wenige, um all den Zinnober zu rechtfertigen.

 

Verkehr reduzieren? Denkste!

Die von allen subventionierten Medien brav nachgebeteten (wie etwa hier) Erwartungen zur Verkehrsentlastung durch das am Seil gezogene Bahnl sind für die Katz: So was nennt man Sand in die Augen streuen, potemkinsche Dörfer aufbauen. Altroché „Einzige Chance für weniger Verkehr“ (SVP-Alfreider und Grünfunk)!

Man muss sich das einmal bildlich vorstellen. Da läuft eine Fast-Autobahn durch den Küchelberg in exakt derselben Richtung, in der die Standseilbahn von Landesgnaden eingezeichnet ist und die irgendwann einmal auch neben dieser daher ruckeln soll. Auf Altstadthöhe kann der bequem individuell reisende Gast in seinem SUV gemütlich die Kavernengarage ansteuern und seinen Stadtbummel machen. Einkaufstaschen? Kein Problem. Im Aufzug an der Pfarrkirche geht’s schnell nach oben. In zwei Minuten ist man zurück an der Passeirer Straße, von dort sind es fünf Minuten bis Schenna. Oder zehn Minuten bei Stau. In Schenna ist man dann mit dem Wagen schnell überall im weit verzweigten Hoteldorf. Mit dem Zugele bräuchte es noch zusätzliche Shuttle-Busse, bis was-weiß-ich-wohin. Ein Stottergeschäft von Anfang bis Ende.

Mit einem Wort: Solange der Schenna-Urlauber nicht mit dem Zug oder dem Heli anfährt, wird sich niemand die Standseilbahn antun. Die Dolomiten, der Gardasee, das Timmelsjoch und die Gärten von Trauttmansdorff liegen ohnehin auf der anderen Seite des Küchelberges. Will sagen: Aufs eigene Auto verzichtet keiner.

 

Und Panoramafahrt ist es auch keine

An den schönsten Ecken fährt die Standseilbahn unterirdisch. Im Küchelberg drinnen wäre sie das dritte Loch neben der Umfahrungsautobahn und dem Kavernenparkplatz. Darf’s noch ein bisschen mehr sein? „Da kann man nicht Nein sagen“, meint Merans Bürgermeister. Ach wirklich? Habt ihr euch durchgerechnet, was das alles an Unterhalt kosten wird, wenn der Santa Claus aus Bozen einmal klamm bei Kasse ist? Denk es vom Ende her und denk es zu Ende, wie die Tante Angela immer gesagt hat. Aber denke nicht, das „wir“ das alles schaffen.

 

Alles nur Karotte?

Es entsteht der Eindruck, dass der ganze Seilbahn-Hase, so schnell er aus dem Zylinder gezaubert wurde, so schnell auch wieder darin verschwindet – nach dem 25. September nämlich. Am 25. September 2022 kämpft die Unter-Küchel-Berger um ihren schönen Platz in Rom. Nach dem 25. September 2022 wird es dann den „U-Turn“ in der römischen Politik geben.

Die „Gelder“ – (der Benno Zöggeler von der „Dolomiten“ sagt, „Gelder“ gibt es nicht im Deutschen, was aber einem Badioten so was von wurscht ist – der baut auch „Strukturen“ und keine Almhütten) – also: Das Geld aus dem Covid-Wiederaufbautopf wird mit Meloni & Co höchstwahrscheinlich nicht mehr so schnell und leicht die Etsch herauf fließen. Und auch wenn, dann gibt es in Meran noch den Pferderennplatz, der den Italienern lieb und den Deutschen teuer ist.

Außerdem wird die Verfestigung des Projekts gut ein Jahr dauern, bis hin zu den Landtagswahlen im Oktober 2023 allemal. Bis dahin kann der clevere Daniel ‚Düsentrieb‘ Alfreider einigen Burggräfler Eseln immer noch die schöne Karotte von geschenkten 40 Millionen Euro vor der Nase herumwachteln: Zu denen sie angeblich nicht Nein sagen können,  wo ihnen doch schon die RAI vorgekaut hat, dass es eine „Riesenchance“ sei. Damit diese gierigen, nimmersatten Fresser trotz „Overtourism“ wissen, bei welcher Hochgebirgsblume sie das Kreuzerl zu machen haben.

 

***

Weiterführende Diskussion HIER

Teilen
WordPress Cookie Hinweis von Real Cookie Banner