Bäckatorp 1974 (c) dege

Sau gehabt

Georg Dekas
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16. Dezember 2022

Schlachting ist vor Weihnachten. O du heilige Sau. Ehrt das Opfer.

Würde man den alten Bräuchen folgen, dann wäre jetzt Schlachting. Zu Martini schon hätten wir einem Gansl den Kragen umgedreht. Jetzt ist unsere Sau dran, die gute, brave, liebe.

An einem frostkalten Morgen, noch bevor es hell ist, wird sie aus dem warmen Stroh geholt. Die Jungen sind schon längst abgesäugt und schlafen in der anderen Box. Aber weil Schweine feinsinnig sind, wissen sie, dass Unheil naht. In schrillen Obertönen schreien sie zusammen mit dem Tata, den Onkeln und Tanten im Stall, während ihre Mama zur Hinrichtung gezerrt wird. Oben, im Haus, hören die Menschenkinder das Herz zerreisende Gellen.

Draußen im Hof vermeidet es der Schlachter, dem Schwein in die Augen zu sehen, bevor er den Bolzen in die Stirn treibt. Der Tod tritt sofort ein. Das mächtige Tier kippt zu Boden. Hinein mit dem schweren Leib in das heiße Sudfass. Die Luft in der engen Waschküche dampft und riecht nach Pigl, dem würzigem Baumpech. Das hilft beim Entborsten der Schwarte.

Eine Stunde später hängt das arme Schwein tot, nackt und bleich am Holzkreuz mit dem Kopf nach unten. Den Bauch aufgeschlitzt, die Gedärme, die Lunge, das Herz und das Blut liegen davor in großen Schüsseln.

Nein, heute tun wir das alles nicht mehr. Wir sehen und hören nichts vom Schlachten. Wir lassen töten. Das Fleisch kaufen wir sauber abgepackt unter durchsichtiger Folie. Dafür essen wir das um das Vielfache. Klar, nur das Filet, das Kaiserteil oder ein mageres Schnitzel. Millionen armer Schweine, Rinder und Vögel sterben deshalb namenlos im animalen Holocaust.

Um wie viel ehrlicher und schonender für Tiere ist da nicht einer, der seinen Fock selber schlachtet, der beim Tischgebet für das Opfer dankt und der von den Schweinsohren bis zu den Klauen alles isst?

Um unseren Mitgeschöpfen die Ehre zu erweisen, braucht niemand zum Vegetarier zu werden. Knapp auf den Teller laden, alle Teile essen lernen, nichts hinten lassen. Einen fleischlosen Freitag einrichten, wie es gute alte Sitte war. Einen fairen Preis zahlen, und keiner Werbung von glücklichen Schweinen glauben. Damit immer mehr Tiere sagen können: Sau gehabt!

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Dieser Beitrag ist erstmals 2009 auf dekas.it erschienen.

 

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