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NORMAL

Georg Dekas
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20. Juli 2023

Das «Normale» ist ein Kind der Französischen Revolution. Es war ein Diktator, der es durchsetzte. Bis ein Hippie kam.

Der für seinen «So sind wir nicht» Sager bekannte Regenbogenpräsident ist von der Wiener Hofburg an den Bodensee gefahren, mitten im Unwetter, um zur Eröffnung der Bregenzer Festspiele wieder einmal den politischen Oberlehrer zu geben. Wer «normal» sagt, oder «unsere Leut», der grenze aus, spalte die Gesellschaft: Normal ist undemokratisch, so der bello pensiero. Also, grad der Van der Bellen, der sich vorbehält, ein mögliches Wahlergebnis gar nicht anzuerkennen; der Covid-Generäle in Tarnuniform beim Trennen großzügig gewähren ließ – der will seinen (ungeimpften) Untertanen sagen, was spaltet und was vereint?  Schön banand samma!

Der Satz «Aber das ist doch normal!» hatte in meinem Leben schon öfters eine tröstliche bis heilsame Wirkung. Trotzdem konnte ich das Wort «normal» nie sonderlich leiden. In den Anfängen des Ehelebens konnte ich meine zweite Hälfte mit nichts anderem so sehr «derwilden», als wenn ich fünf oder gar zehn Minuten über die vorgestellte Zeit zum Mittagessen nach Haus kam: «Warum kannst du nie normal kommen?» fauchte sie. «Was ist normal?» entgegnete ich, und brachte sie damit nur noch mehr auf Touren. Ich empfand die Pendelbewegung um eine fixe Uhrzeit als «normal», ich war ja schließlich immer ganz «normal» beim Vormittags-Weißen, und dessen Ende diktierte «normalerweise» nicht allein das Zwölfe-Läuten, sondern das jeweilige Gespräch in der Runde oder die Klärung bestimmter Fragen. Das einzusehen und uns danach einzurichten schien mir «normal». Das «normal» meiner Gesponsin hingegen war das Erscheinen zum Mittagstisch Punkt X, wie eine Eisenbahn seligen Gedenkens. Trotz dieser kleinen Händel sind aus Sokrates und Xanthippe schließlich eingependelte ‚Normalos‘ geworden, in des Wortes gutem Sinn: Verlässlichkeit, Pünktlichkeit, Wohlverhalten als Grundlage für Respekt und Vertrauen, kurz, Menschsein.

Fiaker sind in Wien normal, Regenbogen-Drapeaus am Präsidentenbalkon der Hofburg nicht.

Gewundert habe ich mich immer, warum die Super Elite-Hochschulen in Frankreich «École normale supérieure» heißen und ihre Abgänger «Normaliens»: normal ist bei denen nix. Aber alles nach einheitlichen Normen ausgerichtet, die universell gelten sollten, so wie das Kilogramm und der Meter(stab). Das schon. So stellte man sich das 1795 vor, als die erste Normalschule gegründet wurde, in der Ulmerstraße in Paris. Und Kilogramm und Meter als universelle Maßeinheiten von den Revolutionären eingeführt wurden. Das «Normale» ist somit ein Kind der Französischen Revolution. Es war ein Diktator, und zwar Napoleone Buonaparte, der den Franzosen die neue französische «Normalität» einhämmerte und sie über den Kontinent zur Geltung brachte. Unisex in Uniform, sozusagen. Nun meinen ja bekanntlich die Woken und Grünen, sie seien die Kinder der Aufklärung und der Revolution: Also müssten sie folgerichtig auch die Kinder der französischen Normalität im Sinne der Flurbereinigung aller Ungleichheiten sein. Aber nein, hier hat ihnen irgendein Amerika-Hippie einen Floh ins Ohr gesetzt, dass jeder Mensch und jeder Moment unverwechselbar und einzigartig sei, ein jeder frei ist, sich zu entfalten, wie er wolle: «normal» ist da gar nix.

Es scheint mir eine Ironie der Geistesgeschichte, dass die « Jünger:innen» der Égalité heute den super-revolutionären und hoch rationalen Begriff des Normalen verächtlich machen oder vor diesem warnen (wie der ‚Bello’), während die Bieder-Meier des 21. Jh. ihre Zuflucht bei ihm suchen müssen.

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